Quoten, Zahlen und Vorannahmen

In der Auseinandersetzung um die Quote hat es inzwischen eine ganze Reihe von Blogposts gegeben. Einige Aufmerksamkeit erhielten in den letzten beiden Tagen die beiden schon etwas älteren ganz mathematisch nüchtern daherkommenden Beiträge von „Opa Hans“ (Teil 1, Teil 2), der die Quote aus Qualitätsgründen befürwortet: Eine Frauenquote würde zu kompetenteren gewählten Kandidaten führen. Heute erschien bereits eine ebenfalls sehr mathematische Kritik hierauf von andersch. Das Folgende ist ebenfalls eine – weniger mathematische – Replik auf Opa Hans.

Mit den falschen (oder richtigen, je nach Standpunkt) Vorannahmen lässt sich alles beweisen.  In diesem Fall trifft Hans die Vorannahme, dass Frauen ohne Quote nicht gewählt werden – im ersten Beitrag: „… dann kann man dafür natürlich … fast ausschließlich Männer nehmen. Dann bekommt man aber notgedrungen nicht die Geeignetsten, weil man ja auf den Pool der Frauen von vornherein verzichtet.“ Und noch deutlicher zu Beginn des zweiten Beitrags: „Wer Frauen von Funktionen ausschließt, sorgt dafür, dass es schlechter funktioniert. Denn man muss notgedrungen auf weniger begabte Männer zurückgreifen, wenn man die begabten Frauen raus hält.“Damit wird die ganze Rechnerei aber zu einer Banalität: Wenn ich die Grundgesamtheit von Menschen mit gleicher Begabungsverteilung künstlich halbiere, die Zahl der zu besetzenden Stellen aber konstant halte, sinkt also die Qualität der ausgewählten Bewerber. Welch eine Überraschung!

Nur ist das – per se – kein Argument für eine Quote: Die Abwesenheit einer Quote schließt Frauen ja nicht von der Wahl aus – dafür müsste man ihnen das (passive) Wahlrecht aberkennen. Man muss schon weitere Annahmen treffen, etwa dass Männer Frauen „implizit“ vom passiven Wahlrecht ausschließen (also Männer bevorzugen und so Frauen diskriminieren). Oder man müsste annehmen, dass viele Frauen ohne Quote gar nicht erst kandidieren würden – beides Annahmen, die man von Quotenbefürwortern regelmäßig hört. Nur dann kann man ernsthaft behaupten, durch die Quote würden zusätzliche Kandidatinnen im Kandidatenpool sein, die vorher von der Wahl – zumindest de facto – ausgeschlossen waren. Die entscheidende Frage lautet also: Was passiert mit der Grundgesamtheit der zur Wahl stehenden Kandidaten?

Mit Blick auf die Gesellschaft insgesamt mag dies umstritten sein, doch zumindest mit Blick auf die Piraten zeigt sich der Trend, dass viele Frauen angekündigt haben, bei einer Quote NICHT kandidieren zu wollen. Einige haben sogar den Austritt angekündigt. (Dito für viele Männer.) Folge ist: Die Grundgesamtheit der Kandidaten SINKT und mithin die Qualität der gewählten Gremien.

Selbst wenn man diesen Effekt beiseite lässt und unterstellt, dass Zahl und Geschlechterverteilung der Kandiden unverändert bleiben, kann die Qualität des gewählten Gremiums sinken, wenn die Quote zwingt, weniger begabte Frauen begabteren Männern vorzuziehen.

Fazit:
Es zeigt sich einmal mehr, dass mathematischen Spielereien oft nur messen, was man vorher an politischen Variablen und Konstanten hineingepackt hat: Unterstellt man, dass Frauen bei der Wahl diskriminiert werden (weil Männer Männer bevorzugen) und außerdem mit einer Quote mehr Frauen antreten, ist eine Quote natürlich sinnvoll. Nimmt man die Ergebnisse der Aufstellungsversamlungen zur Bundestagswahl und den letzten Vorstandswahlen zur Kenntnis, und unterstellt (wie ich), dass Männer zumindest in unserer Partei sehr wohl auch Frauen allein nach Qualifikation beurteilen und Frauen im übrigen auch ohne Quote mindestens so zahlreich kandidieren wie mit, ist die Quote sogar schädlich.

Schlussbemerkung:
Zuletzt sei der vielleicht wichtigste Punkt angemerkt, nämlich dass diese ganze Qualitätsfrage eigentlich der unwichtigste Nebenaspekt der Quotendebatte ist. Man könnte natürlich auch über Gerechtigkeit reden oder wie Stefanowitsch mit dem gesellschaftlichen Wandel argumentieren, den die gesteigerte Repräsentanz von Frauen auslösen könnte. Mein persönliches Ergebnis bleibt dasselbe, aber ich will doch festhalten, dass ich dieses „Qualitätsargument“ nicht nur wegen seiner irrigen Vorannahmen für falsch halte: Es ist darüber hinaus hochgradig utilitaristisch und tendenziell neoliberal: Ein hohes (Aus-)Bildungsniveau in der Bevölkerung ist zum Beispiel eine feine Sache. Zuwanderung aus Bürgerkriegsregionen und Ländern mit zerrüttetem Bildungssystem ist da eher abträglich. Ich bin aber trotzdem für offene Grenzen für Flüchtlinge. Weil mir dieses Nützlichkeitsgefasel nämlich am A… vorbeigeht, wenn es um elementare Dinge wie Menschlichkeit, das Recht auf Leben oder auf  Teilhabe geht.

Vielleicht sollten die ja so gerne hochmoralisch argumentierenden Quotenbefürworter mal prüfen, mit welchen Argumenten sie eigentlich hantieren möchten und von welchen man doch besser die Finger lassen sollte.

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